Blue Flower

Von Romano Guardini

Lebendiger Gott,

wir glauben an Dich.

Lehr uns die Stunde verstehen, in der es ist,

als habest Du uns verlassen,

Du, dessen Treue die Ewigkeit ist,

als seiest Du nicht

Du, der uns seinen Namen genannt:

Der da ist.

Lebendiger Gott, wir glauben an Dich.

Gib uns Stärke auszuharren,

wenn alles wesenlos wird.

*

Allmächtiger Vater, der Du lebst,

Herr, in Dir selbst, keines Dinges bedürfend.

Ewig frei hast Du die Welt erschaffen,

denn ihrer bedarfst Du nicht.

Sie ist, weil Du willst, dass sie sei, Deiner

Gedanken voll.

Den Ratschluss, dem sie entsprungen, weiß

kein irdischer Sinn.

Aber der Offenbarer, der Sohn, hat

uns das Wort gegeben, das Liebe heißt.

Deine, o Vater, keines irdischen Herzens Liebe.

Wir glauben an Dich,

denn was uns Welt heißt, es ist Dein Werk.

Du hast es erdacht,

Du hast gewollt, dass es sei, und Dauer

hat es und Glanz durch Dich allein. 

Alles lenkest Du, auch unser kleines Leben.

Lenkst es in Deines lautlosen Waltens Geheimnis.

Auf Deine Liebe müssen wir trauen allein.

Doch Deine Großmut will unsrer bedürfen.

Du hast Deine Welt in unsre Hand gegeben,

Willst, wir sollen Deine Gedanken denken,

in Deinen Ordnungen wirken.

*

Christus Jesus,

Erlöser der Welt,

Heimgegangen zum Vater, da alles vollendet war.

Du sitzest zu seiner Rechten auf dem Throne

der Herrlichkeit,

wartend der Stunde, in welcher Du wiederkehrest in Macht,

die Lebenden und die Toten zu richten.

Wir glauben an Dich.

Lehr uns, den einsamen Glauben zu leisten, den

die Stunde von uns verlangt,

da Dein Licht nicht zu leuchten scheint, und leuchtet

doch, mächtiger im Dunkel als je.

In Deiner Liebe Geheimnis, in Deinem Gehorsam,

groß wie des Vaters Gebot,

hast Du alles erlöst.

Laß Deine Liebe an uns nicht vergeblich sein.

*

Heiliger Geist,

zu uns gesendet,

weilend bei uns, wenn auch leer die Räume hallen,

als seiest Du fern.

In Deine Hand sind die Zeiten gegeben.

Im Geheimnis des Schweigens waltest Du,

und wirst alles vollenden.

Also glauben und warten wir auf die kommende Welt.

Lehr uns warten in Hoffnung.

An der kommenden Welt gib uns Teil,

dass wahr an uns werde die Verheißung der Herrlichkeit.

 

aus: Hochland, 61.Jg. Heft 3 / Mai-Juni 1969

0
0
0
s2sdefault