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Leszek Kolakowski:

Die Menschen brauchen nicht nur das individuelle Gebet, sondern darüber hinaus ein gemeinschaftliches religiöses Leben.

Leszek Kolakowski, der bedeutendste zeitgenössische Philosoph Polens, ist am 17. Juli 2009 in Oxford gestorben.

Er sah Sokrates und Jesus als die entscheidenden Baumeister der europäischen Kultur.

Am 17. Juli verstarb der Philosoph Leszek Kolakowski in Oxford - Von Helmut Kohlenberger

Der Philosoph Leszek Kolakowski war einer der wenigen, die in unserer Zeit die große europäische Denktradition als Verpflichtung vermittelte. Hatte er zunächst als marxistischer Denker im Nachkriegspolen gewirkt, so provozierte seine Absage an die Parteidoktrin, damit an jede falsche Unbedingtheit.

Kolakowski wurde die Lehrbefugnis entzogen, er ging in den Westen, wo er in Zeiten des 68-er Aufstandes nicht ohne weiteres willkommen war. Mitten im „deutschen Herbst“ 1977, auf dem Höhepunkt der RAF-Bedrohung, erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine groß angelegten Studien zu den marxistischen Schulen trugen zur Entlegitimierung eines Denkens bei, dessen Faszinationskraft jahrzehntelang den schrecklichsten Terror in den Schatten der Aufmerksamkeit stellen konnte.
Für Kolakowski war der Marxismus „die größte Phantasie unseres Jahrhunderts“. Er wurde (im Zusammenhang der Solidarnosc) zu einem wegweisenden Vordenker der Wende von 1989 und des größeren Europa. Mit klarem Blick erfasste er wie wenige den von der biblischen Religion herrührenden universalistischen Grundzug des europäischen Denkens.

Die griechische Freiheit des Fragens, die den offenen Horizont dessen, was nicht gewusst werden kann, anerkennt, verbindet sich mit der Unterscheidung des Guten und Bösen. Nicht darauf kommt es an, Denken und Erkennen in letzter Hinsicht in einer zweifelsfreien endgültigen Intuition zu verankern, sondern in einer Bewegung, die „das Sein durch das Gute oder Böse unserer Handlungen wachsen oder schwinden läßt“.

Kolakowski erinnerte an die Kernfragen der europäischen Tradition in einer Zeit, in der die spezifisch europäische Fähigkeit zur Selbstkritik angesichts der großen menschheitsbedrohenden Totalitarismen, die sich explizit dem Christentum widersetzten, zur Selbstdestruktion unter dem Feindbild „Euro-Zentrismus“ zu führen drohen.

Auf einem der Castelgandolfo-Gespräche unter der Schirmherrschaft von Johannes Pauls II., deren regelmäßiger Teilnehmer er war, bedauerte er insbesondere den Niedergang des Lateinischen.

In den letzten Jahren hat er sich den großen nie verstummenden Fragen des Denkens in der meisterhaft beherrschten kleinen Darstellungsform zugewandt – und zuletzt noch eine Autobiographie in Gesprächsform vorgelegt, die in seinem Heimatland großes Aufsehen erregte. Am 17. Juli ist er in Oxford verstorben.  
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Erstveröffentlichung: Salzburg, 24. Juli 2009, 07:52, www.kathnet