Blue Flower

Kreuze sollen aus dem öffentlichen Leben entfernt werden. Sie stören, so scheint es, den sozialen Frieden. Wir sollen in einem Vakuum der vollkommenen Freiheit und Gleichheit dahinleben - überleben, in dieser von der permanenten Fortschrittsrevolution propagierten „Neuen Welt“.

Die Fortschrittspropaganda, die „Modernisierung“ hat unser Leben seit mehr als zwei Jahrhunderten mit sich steigernder Intensität geprägt, formiert, deformiert. Wir haben ihr nicht wenig zu verdanken – vor allem unseren „Lebensstandard“. Heute können wir wissen, dass wir an Grenzen stoßen. Unsere selbstverständlich gewordenen Ansprüche haben die Grenzen des ökologisch und human Verträglichen längst überschritten. Wir stehen in Schuld gegenüber den gegebenen Lebensbedingungen. Familien lösen sich auf, Ressourcen an Energie werden knapper, die Stabilität der Wirtschaft und der Finanzen ist nicht gesichert. Eine allgemeine Verschuldung ist zum mehr oder weniger bewussten Hauptproblem geworden.

Die öffentliche Sprachregelung wird atmosphärisch noch immer von dem unablässig eingetrommelten Infantilismus der „virtuellen Realität“ technischer Kommunikation und Medien bestimmt, in dem Erwachsene und Heranwachsende, Lehrer wie Schüler in Unmündigkeit und Gleichgültigkeit bewusstlos – und zunehmend sprachlos dahinleben. In zu Medienereignissen stilisierten Tragödien des Alltags erleben wir die Gnadenlosigkeit unserer Zeit. Schon im Mittelalter wusste man, dass es schrecklich ist, wenn die Liebe erkaltet, Treue und Glaube schwinden.

Der „Kapitalismus“ – das Gespenst, das an allem schuld ist. Es wird unterschlagen, dass wir alle dieser Kapitalismus sind, der sich zur allgemeinen Verschuldung gesteigert hat. Schuldbewusstsein – wer hat es? Das Schuldbekenntnis zu Beginn der Messfeier wird nur selten gebetet. Beichtstühle kommen ins Museum oder sind Ablageplätze. Das Kreuz stört. Es soll weg.

Der Dichter Johannes Bobrowski hat ein Bild betrachtet, auf dem eine Küstenlandschaft zu sehen ist. Von einer Kirche aus führt eine Reihe von Kreuzen zum Meer hin. Ein einsamer alter Mann aus der Fremde hat diese Kreuze, darunter ein besonders hohes, errichtet. Gegen Abend entzündet er Feuer.

„Was ist das, ein Kreuz? Ein Zeichen. Ein Gedächtnis. Eine Erinnerung. Etwas, das an Früheres gemahnt, an Vergangenes. Das aber das Gedächtnis an dieses Vergangene wach halten soll, nicht wahr. Also auch ein Warnungszeichen, und nicht nur gegen das Vergessen, auch vor der Unachtsamkeit. Da muss es hoch sein und weithin sichtbar.“

Helmut Kohlenberger

Das Kreuz zeigt, wie tief Gott unsere Verzweiflung umfasst, uns in Leid und Tod begleitet und uns in die Herrlichkeit der Auferstehung führt.

Hannes Daxbacher