Blue Flower

Andrea Schäfer schreibt in ihrer Dissertation "Pneumadramatik - Entwurf einer Dramatischen Theologie des Geistes" (2009):

Wie aber kann ein Wirken Gottes gedacht werden? Eine Zeit, in der sich (fast) alles rational,
rechnerisch oder rein denkend erklären lässt, scheint keinen Platz mehr zu haben für einen
handelnden Gott. Eine zusätzliche Problematik in diesem Kontext des handelnden Gottes in
der Welt stellt die Theodizeeproblematik dar. Wenn Gott die Welt erschaffen hat, wenn er sie
und die Menschen, ihm ebenbildlich, liebt, wie die Bibel es aussagt, wenn er auch aktuell die
Möglichkeit hat, in das Weltgeschehen einzugreifen, wie ist dann das Böse, das Unglück, das
Leiden – diese Liste ließe sich hier fortführen – zu erklären? Diese Frage ist in der
Menschheitsgeschichte nicht neu. Auch biblisch werden diese Themen bereits aufgegriffen:
Zu denken wäre hier an Erzählungen der alttestamentlichen Anfänge – Kain und Abel, Noah,
auch an Hiob und nicht zuletzt neutestamentlich an Jesus, den Sohn Gottes selbst. Ist die
Theodizeefrage auch nicht neu, so ist sie nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Verfolgung,
Holocaust, Massentod unschuldiger Menschen, Hunger und Vertreibung und auch aufgrund
heutiger Erfahrungen von Terror, Hunger und sinnlosem Morden und Sterben neu entflammt
und im Denken der Menschen außerordentlich aktuell. Die Frage, wie Gott das zulassen
konnte, wie er auch heute in unserer Welt unschuldige Menschen leiden lassen kann, ist wohl
niemandem unbekannt.
In eine solche Welt und Fragestellung hinein, soll in dieser Arbeit ein Weg gesucht werden,
verantwortlich vom Handeln Gottes in der Welt zu sprechen, von einer Theologie des
göttlichen Wirkens in der Welt durch den Geist Gottes.
Ute Lockmann hat in ihrem Buch Dialog zweier Freiheiten47 das Phänomen des göttlichen
Wirkens in der Welt am Beispiel des Gebetes aufgegriffen. Hier soll nicht darüber spekuliert
werden, wie viele Menschen und warum überhaupt beten. Allein die Tatsache, dass es einige
– wenn auch nicht selten in Krisensituationen, in denen sich der Mensch auf sich
zurückgeworfen und allein hilflos erlebt – tun, sollte vermuten lassen, dass diese an ein
Wirken Gottes, vielmehr an ein gezieltes Eingreifen Gottes in konkreten Situationen
‚glauben’, zumindest darauf hoffen. Wie sonst könnte man sich den Sinn eines Gebetes
erklären? In diesen Situationen scheint die Immanenz der Welt nicht mehr auszureichen und
die Transzendenz Gottes zumindest für den Betroffenen von realer Bedeutung zu sein.
Vielleicht muss man hier aber auch einräumen, dass dieses Gebetsverhalten ein Relikt aus
Kindertagen sein könnte, von dem man eigentlich nicht viel erwartet, aber dennoch: Es kann
ja nicht schaden. Das Gebet ist dann ein Hoffnungsschimmer, dass man doch nicht
vollkommen allein auf sich selbst zurückgeworfen ist.
Nach all den oben aufgeführten Aspekten kann man in der heutigen Zeit sicher nicht einfach
hingehen und ‚feststellen’, dass es die Wirksamkeit Gottes in der Welt gibt und dass von nun
an bitte alle Menschen, zumindest die, die sich christlich nennen, daran zu glauben haben.
Nur wenn die Wirksamkeit, die Wirkmächtigkeit Gottes, sein Eingreifen in seine Welt für die
Betroffenen nachvollziehbar und einsichtig werden, besteht die Chance, Menschen dafür zu
öffnen, zu ‚begeistern’.
Zu fragen ist nach den Bedingungen und den Möglichkeiten, die Wirksamkeit Gottes auch in
der heutigen hoch technisierten Welt plausibel erscheinen zu lassen. Eine weitere Frage ist
ebenso, wie man sich ein Wirken Gottes in der Welt überhaupt vorstellen kann, ohne seine
Transzendenz infrage zu stellen und diese auf Kosten einer weltlichen Immanenz
aufzulösen.

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